Umsetzung 2017-04-18T12:44:09+00:00

Umsetzung

Übergeordnetes Ziel des ESF-Projekts „Hand-Werk“ als Teil des Friesacher Burgbauprojekts ist eine größtmögliche gesellschaftliche Teilhabe betroffener arbeitsmarktpolitischer Zielgruppen im Sinne der sozialen Inklusion zur Verhinderung dauerhafter Ausgrenzung. Hier handelt es sich vor allem um arbeitsmarktferne Gruppen mit Migrationshintergrund, bildungsbenachteiligte und niedrig qualifizierte Gruppen und sonstige marginalisierte Gruppen zu denen auch ältere Erwerbslose gehören. Laut dem Strategiepapier „Europa 2020“ sollen 75 % der Menschen im Alter von 20 bis 64 Jahren in Zukunft in Arbeit sein. Die größten Herausforderungen für Österreich stellen in diesem Zusammenhang das nicht ausgeschöpfte Beschäftigungspotential, hier im Detail die Beschäftigungsquote älterer Arbeitskräfte, sowie die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund dar.

Darüber hinaus erfordert der demografische Wandel grundsätzlich ein rechtzeitiges Gegensteuern, um mit ausreichendem Fachkräftepotential zukünftig den Standort Kärnten wirtschaftspolitisch abzusichern.  Betrachten wir in Kärnten die Binnenwanderungsbewegung, dann sind Zuzüge von Menschen vor allem hin zu den Zentralräumen Klagenfurt und Villach und deren Umlandgemeinden zu beobachten. Will man in diesem Zusammenhang das europäische Ziel der Senkung der Anzahl von Menschen, welche von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind, erreichen, dann müssen für Menschen in Abwanderungsgebieten im Sinne der Daseinsvorsorge Wege zur Absicherung gefunden werden. Auch die Stadtgemeinde Friesach ist, wie beinahe drei Viertel der Gemeinden in der Region St. Veit, eine Abwanderungsgemeinde. Sie steht damit vor der großen  Herausforderung, mit weniger Ertragsanteilen aufgrund der abnehmenden Bevölkerungsanzahl und durch geringer werdenden Kommunalsteuereinnahmen die Daseinsvorsorge zufriedenstellend für die Bürgerinnen und Bürger aufrecht zu erhalten.

Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist ein Umdenken dringend notwendig: Für ältere Erwerblose brauchen wir einen Paradigmenwechsel in Richtung einer sinnvollen längeren Integration Älterer in Arbeitsprozesse. Dabei sind alle Kräfte der Gesellschaft, von den Wirtschaftstreibenden, den politischen Entscheidungsträgern, bis hin zum einzelnen Individuum gefordert, die Herausforderung eines längeren Arbeitslebens als Chance wahrzunehmen. Die euphemistisch geschönte „Freisetzung von Arbeitskräften“ aufgrund des Alters werden wir uns wegen der demografischen Entwicklung – Erhöhung des Bevölkerungsanteils älterer Menschen bei geringerer Fertilitätsrate – nicht mehr lange leisten können!

Auf individueller Ebene müssen motivierende Prozesse und auf gesellschaftspolitischer Ebene leistungsgerechte Rahmenbedingungen angestoßen werden, welche dazu einladen, dass Menschen gerne länger arbeiten.

Um als älterer Mensch eine längere Lebensarbeitszeit individuell als Chance wahrnehmen zu können, braucht es vor allem die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen in all seinen Ausformungen. Das schließt mit ein, dass erwerbslose Personen sich beruflich oft vollkommen neu orientieren müssen, bis hin zu Modellen wie der so genannten „späten Lehre“. Das ist gerade für Menschen, die keinen Lehrabschluss vorweisen können, eine gute Möglichkeit, Versäumtes in späteren Lebensjahren nachzuholen.

Am Burgbauplatz haben wir bereits einen Mitarbeiter, der sich nach einer langen Arbeitszeit in der Telekommunikationsbranche mithilfe der Kärntner Arbeitsstiftungen entschlossen hat, übervierzigjährig eine Lehre als Schmied zu absolvieren,  Teile davon bei unserem Schmiedemeister. Er ist in positives Beispiel dafür, dass mittels öffentlicher Unterstützung eine berufliche Neuorientierung grundsätzlich möglich ist.

Generell bietet sich das ESF Projekt „Hand-Werk“ für ältere Erwerbslose, die zu den   marginalisierten Gruppen am Arbeitsmarkt gehören, an. Sie bringen, vor allem wenn sie aus dem Bau- und Baunebengewerbe kommen, entsprechende berufliche Erfahrung mit und sind im Projekt sehr wertvoll. Das trifft auch auf Personen mit Migrationshintergrund zu, die handwerklich begabt sind und sich nicht scheuen, vor einer (zusehenden) Öffentlichkeit in Form von Besucherinnen und Besuchern zu arbeiten.

Im ESF Projekt „Hand-Werk“ werden mittelalterliche Bauberufe wiederbelebt. Der Steinmetz beispielsweise war im Mittelalter ein besonders nachgefragter Handwerker, der viel über die Beschaffenheit von Steinen und deren Bearbeitung wissen musste. Wie heute musste der Auszubildende auch damals drei Stufen, Lehrling – Geselle – Meister, durchlaufen. Auch damals gab es Arbeitsangebote, die so genannte Handlanger verrichteten. Diese Handlanger erledigten Hilfsdienste für die Maurer, Steinmetze und Schmiede und lernten dabei gut verwertbare Kenntnisse für ihre unmittelbare Lebensumwelt.

Die meisten Handwerker waren Bauern, die handwerkliche Tätigkeiten zum Nebenverdienst ausübten. Die Spezialisierung der einzelnen Handwerke entwickelte sich erst im Laufe der Zeit mit der Entwicklung von Dörfern zu Städten. Mit der steigenden Nachfrage nach Handwerksprodukten wuchs das Ansehen der Handwerker. Sie blieben zwar in der damaligen Gesellschaftsordnung politisch ziemlich ohne Rechte, hatten aber im weitesten Sinne schon so etwas wie einen Berufsschutz durch die Organisation in Zünften.

In unserem Projekt lernen unsere Mitarbeiter/innen altes Handwerkswissen kennen und im besten Sinne wiederum schätzen. Auch wenn sie sozusagen Handlanger sind, kann das Wissen auch heutzutage in die Lebensumwelt der Teilnehmer/innen transferiert werden: Zu wissen, wie eine Trockenmauer gebaut, Holz im Sinne langer Haltbarkeit bearbeitet oder ein Korb geflochten wird,  ist schlichtweg nicht vom Nachteil.